Ein weiterer Eyecatcher im Ort
Graffiti-Projekt macht graue Betonwand zum Blickfang
Eine bislang graue und sanierungsbedürftige Betonwand entlang der Iselshauser Straße in Mötzingen hat ein neues Gesicht
bekommen. Im Rahmen des Sommerferienprogramms gestalteten zehn Jugendliche gemeinsam mit dem Künstler Nathan
Grant Kitch die lange Stützwand mit farbenfrohen Motiven aus Natur und Umgebung. Begleitet wurde das Projekt vom
Mötzinger Jugendreferat.
Die Idee entstand nicht allein aus gestalterischen Überlegungen. Bereits vor rund zwei Jahren hatte Bürgermeister Benjamin
Finis im Rahmen einer Verkehrsschau auf den schlechten Zustand der Betonwand hingewiesen. An mehreren Stellen liegen
Eisenträger frei, zudem platzt Beton ab. Eigentümer der Stützwand ist der Landkreis. Das Landratsamt hatte im Juli 2024
mitgeteilt, dass eine Sanierung mittelfristig erforderlich sei. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass diese
vergleichsweise kostspielig sei und daher voraussichtlich nicht innerhalb der folgenden drei bis vier Jahre umgesetzt werden
könne.
Für die Gemeinde war das Anlass, nach einer Zwischenlösung zu suchen. „Wir wollten nicht einfach mehrere Jahre darauf
warten, dass die Wand irgendwann saniert wird“, sagt Bürgermeister Benjamin Finis. „Der bauliche Sanierungsbedarf bleibt
selbstverständlich bestehen. Aber wir wollten die Fläche bis dahin trotzdem sinnvoll nutzen und aus einer sehr
unansehnlichen Situation etwas Positives machen.“
Entstanden ist daraus die Idee, die Wand gemeinsam mit Jugendlichen künstlerisch zu gestalten. Unter Anleitung von Nathan
Grant Kitch, der als Graffiti-Künstler und Jugendreferent in der Region tätig ist, beschäftigten sich die zehn Teilnehmer im
Alter zwischen elf und 15 Jahren eine Woche lang intensiv mit dem Projekt. Unterstützt wurde die Arbeit durch das Mötzinger
Jugendreferat um Sebastian Vogel.
Dabei ging es nicht nur darum, eine große Fläche möglichst schnell mit Farbe zu versehen. Die Jugendlichen entwickelten
Motive, beschäftigten sich mit Farbwirkung und Gestaltung und setzten ihre Ideen anschließend selbst an der Wand um. „Die
Jugendlichen haben den gesamten Prozess miterlebt und gleichzeitig das Vertrauen bekommen, an einer sehr sichtbaren
Stelle im Ort etwas Dauerhaftes mitzugestalten“, sagt Jugendreferent Sebastian Vogel. „Darauf können sie am Ende auch stolz
sein.“
Bei der Motivwahl wurde bewusst ein Bezug zu Mötzingen und zur Natur hergestellt. Tiere und Pflanzen aus der Region
prägen die Gestaltung. Unter anderem finden sich ein Rotmilan und Narzissen auf der Wand. Das Grundkonzept war im
Vorfeld zwischen Gemeinde, Jugendreferat und Künstler abgestimmt worden. „Uns war wichtig, dass hier nicht einfach
beliebige Streetart entsteht“, erklärt Finis. „Die Gestaltung sollte zu Mötzingen passen und möglichst viele Menschen
ansprechen. Deshalb haben wir bewusst auf Naturmotive und regionale Bezüge gesetzt.“
Künstler Nathan Grant Kitch hatte sich bereits Wochen vor Beginn des Workshops mit möglichen Motiven und der
Gestaltung der langen Wand beschäftigt. Während der Projektwoche übernahmen die Jugendlichen jedoch selbst viel
Verantwortung. Sie zeichneten vor, wählten Farben aus und setzten einzelne Bereiche eigenständig um. „Man braucht Fokus
und Mut“, ermutigte Grant Kitch die Teilnehmer während der Arbeiten. Die Motivation sei groß gewesen: Die Jugendlichen
seien freiwillig dabei gewesen und hätten „richtig Bock“ auf das Projekt gehabt.
Schon während der Entstehung sorgte die neue Gestaltung für Aufmerksamkeit. Neben einzelnen kritischen Stimmen
erreichten die Gemeinde und das Jugendreferat zahlreiche positive Rückmeldungen. Besonders deutlich wurde dies unter
anderem in einer WhatsApp an das Jugendreferat: „Endlich kriegt diese hässliche Mauer ein schönes Kleid.“ Für
Bürgermeister Finis gehört auch eine unterschiedliche Bewertung zum Projekt. „Über Kunst lässt sich immer diskutieren.
Entscheidend ist für mich der Vergleich mit dem bisherigen Zustand“, sagt er. „Eine graue, korrodierende Betonwand mit
freiliegenden Eisenteilen ist aus meiner Sicht kein Zustand, den man unbedingt bewahren muss. Die neuen Motive bringen
Farbe und Leben an eine Stelle, die bislang alles andere als ein Blickfang war.“
Gleichzeitig betont die Gemeinde, dass aus dem Projekt kein grundsätzliches Konzept für Graffiti im gesamten Ort abgeleitet
werden soll. Weitere Flächen seien derzeit nicht für vergleichbare Gestaltungen vorgesehen. „Es geht nicht darum, nun
möglichst viele Wände im Ort mit Graffiti zu versehen“, so Finis. „Hier gab es eine konkrete Fläche, einen konkreten
Handlungsbedarf und eine Idee, die Jugendarbeit und Ortsgestaltung sinnvoll miteinander verbindet.“
Mit dem Abschluss der Projektwoche ist die Gestaltung inzwischen vollständig zu sehen. Aus der zuvor grauen Wand ist eine
farbenfrohe Fläche mit zahlreichen Naturmotiven geworden. Für die beteiligten Jugendlichen bleibt damit ein weithin
sichtbares Ergebnis ihrer Ferienwoche – und für die Iselshauser Straße ein deutlich freundlicherer Anblick.




